Der grosse Talent…4335

von WilerWalti

Der frühe vernebelte Novembermorgen, in etwa vergleichbar mit der Höhe des Prime Towers, neben dem ich mit meinem Gitarrensack stand, war weder einladend noch vielversprechend. Fredi, ein Schlappseiltänzer und eine Rappergang aus fünf Mitgliedern waren auch schon da, bei der alteingesessenen Maaghalle.

Ein kleingewachsener Wichtigtuer mit Bebbidialekt dirigiert uns mit seinem Megafon zur Eingangskontrolle. Ausweis zeigen, Einladung vorweisen, Verzichtsvereinbarung unterschreiben (auf was verzichten?) und so weiter. Wenig­stens keine Fingerabdrücke weil alles gefilmt wird. Jasmin, die aufreizende Chantöse aus dem Welschland stöckelt nervös auf und ab. Kannte sie schon vom Vorkasting, eine Wiederholungstäterin. Ihre vorgegebenen 49 Jahre könnte man ohne schlechtes Gewissen etwas nach oben korrigieren. Das Warten will kein Ende nehmen und schon bereue ich es, den ganzen Tag hier zu vertrödeln. Bin zwar freiwillig hier, aber nicht ganz selber Schuld.

Der verhängnisvolle Samstagabend im Scharfegg begann harmlos und versprach keine Steigerung. Die Zeitungen ausgelesen und mit Ruedi dem Bassisten von den «Sihltal Hillbillys» gab es sowieso nichts zu bereden, weil er eigentlich nie etwas sagt. Röfe der Gitarrist war mit seinem iPad beschäftigt und Reesi, die Wirtin vom Scharfegg, büschelte am Tresen die Gläser in Reih und Glied. «Muss einer schon tief sinken, wenn er bei so einer Sendung mittut» bemerke ich so nebenbei, die Talentsuch-Sendung kommentierend, die auf dem nigelnagelneuen 55 Zoll Bildschirm lief, wo sonst Fussball gezeigt wird. «Ganz genau!» bemerkte Ruedi, der sonst nichts sagt. «Bevormunden müsste man solcherlei Leute». «Um was gehts, wenn man fragen darf» mischt sich Röfe in die saftleere Diskusion ein.

«Allergattig Talente werden gesucht, wäre doch was für dich Röfe. Da kannst du zeigen was du drauf hast» meinte ich und Ruedi nickte nichtssagend. «Vorher hänge ich mich auf, bevor ich bei so einem Schwachsinn mittue», war Röfes Kommentar in leicht gereiztem Unterton. «Ja aber hallo! Ihr seid mir noch Hirsche» mischt sich Reesi in unsere Debatte. «Ich mach jede Wette, dass keiner von euch den Mumm aufbringt da mitzumachen, erstens und zweitens seid ihr zu wenig gut. Die würden euch nie nehmen« meint Reesi eher schnippisch. «Wenns einer von euch schafft spendier ich ein Galadinner für alle, mit Schampus, Filet und allem drum und dran», lacht sie herausfordernd und verschwindet im angrenzenden ­Fümoar. Päng! Das sass. Wenn ich einen wunden Punkt habe, Reesi traf ihn haargenau. Mein Renommee ihr gegenüber ist mir sehr wichtig, erstens und zweitens das Galadinner.

Das Warten gehöre dazu wenn man als Profi auf die grosse Bühne will, hat der Huber einmal gesagt. Huber muss es wissen, weil er viel weiss und seine Meinung mir hoch, heilig und teuer ist.

Aber vier Stunden? Wenn nur das kleine Arschloch nicht wäre. Es begleitet mich seit der Schulzeit und taucht immer ganz genau dann auf, wenns um etwas geht. Wie eine Schlinge zieht es sich um den Hals. Spüre schon den leichten fiesen Druck und seinen feuchten Atem im Nacken.

«Allo, allo, Nummer vier dri dri fünf (4335 für nicht Baselsachsen) zum Auftritt» plärrt die Waggisnase in sein Megafon. «Aaber suubido, mer siin im hinderdräffe» in ganz breitem Baseldeutsch. «Na endlich gehts los» puste ich zum Bebbi. Packe meinen Gitarrensack und weible zum Schminkkontainer. Dann gehts ruck zuck. Pudertante, Bühneninstruktor, Tontechniker und schon stehe ich Backstage. Auf der Bühne wird ein Tanzpärchen, grad so tüchtig von der «Jury» abgefertigt und jetzt begreife ich erst richtig wo ich bin, aber es ist zu spät. Kein Rückzug möglich. Schon stehe ich auf der Bühne, dort wo der rote Stern auf den Boden gemalt ist. Anständiger Applaus aus dem Publikum.

«Momoll, jetzt zeig was du drauf hast» höre ich das kleine Arschloch flüstern, während sich die Schlinge um den Hals immer enger anfühlt. «Tamisiech, jetzt nur kein Seich, konzentriere dich Walti» sag ich selbst zu mir und nehme die drei Passivposten im Orchestergraben ins Visier. Links «DJ-Bla-Bla» der «Heilandsack», rechts «Roman der Schmutzli» und in der Mitte Crista, die alles erhellende und überstrahlende Lichtgestalt.

«Wer sind Sie und was machen Sie?» poltert es vom Heilandsack zu mir hinauf. «Äh, ich bin der Walti und Wirt im Sihltal, schreibe und singe Mundartlieder» was nicht so selbstsicher tönte, wie ichs mir vorgenommen habe. «Aha, soso! Und was würden sie mit den hunderttausend Franken machen, wenn Sie gewinnen würden?». Mit der Frage hatte ich jetzt nicht gerechnet. Obwohl die Luft immer dünner wird und mein Mund auszutrocknen beginnt, kontere ich schlagfertig: «Ich würde die ganze Familie zu einem Segeltörn auf die Azoren einladen». «Aha, gut Herr Walti, dann zeigen Sie uns was Sie können» immer noch der «Heilandsack», mit einem Hauch von Altersmilde im Unterton. «Eis, zwei, drü, vier» zähle ich innerlich leise vor mich hin. Schnurregigä-Intro, das Publikum zieht voll mit. Hinein in Teil A «Ich weiss nüd was min Nachber hät….», dann hinein in den B Teil, «Min Nachber das muesch…Trööööööt», dröhnt die Sirene vom «Schmutzli» her zu mir hin­auf und das grellrot aufleuchtende Kreuz geböte eigentlich halt. Ziehe aber voll durch, wie sie einem instruiert haben und erst noch absolut fehlerfrei. Tosender Applaus aus dem Publikum.

«Schlecht, einfach nur schlecht» bellt der Schmutzli mit ­hämischem Lachen. «Such dir einen besseren Texter. Das Lied hat ja nicht mal einen Refrain» gibt er noch einen drauf. «Mani Matter hat kein einziges Lied mit Refrain geschrieben» gebe ich höflich zurück. Schlechte Verlierer kommen ja auch nicht gut an. «Und dann noch Ferien auf den Azoren, wo das schlechte Wetter herkommt, nein, nein » wendet sich der verkappte Sportreporter, sichtlich gutgelaunt dem Heilandsack zu.

«Interessant, interessant» meldet sich der Heilandsack. «Etwas lustig für ein sozialkritisches Lied und erinnert mich an Marina, den italienischen Klassiker. Leider nein». Ausgerechnet der König der Plagiatisten bezichtigt meine lupenreine Eigenkomposition dem Datenklau. «Ich fand das ärzig», flötet Crista die allesüberstrahlende Lichtgestalt zu mir hinauf. «Wirklich ärzig, wie bei uns in Ticino. In Ristorante, mit Gitarre und lala Singen, wirklich ärzig. Aber – der grosse Talent? Ich glaube nein.»

Samstag 10. März, 2012, Punkt 22.12 Uhr. Ganze 15 Sekunden flimmert der WilerWalti in der Rubrik leider nein, bei «Die grössten Schweizer Talente» über den Bildschirm.

Erstens, mein Renommee der Reesi gegenüber hat sich seither stark verbessert. Zweitens, das Galadinner war sensationell und drittens das Allerwichtigste: Das kleine Arschloch hab ich seither nie mehr gesehen. Hab’s ihnen dagelassen. Beim Schmutzli unter dem Pult hab ich’s zum letzten mal gesehen.