WilerWalti


Bier – Wurschtchässalat – Maria

An einem kalten Märzenmorgen im Jahre 1953, morgens um 3 Uhr beim Bahnhof Thalwil, Gleis 3, macht der Geleisearbeiter Karli eine wohlverdiente Pause. Das Warten auf den 4 Uhr Gemüseexpress aus Süditalien verkürzt er sich mit einer Kanne Kafi Lutz, die ihm seine Frau Ida jeden Tag zusammen mit einem Käse-Wurstbrot mitgibt.
Plötzliches Babygeschrei reisst Karli aus seinen in die Ferne schweifenden Gedanken. Ehrfurchtsvoll zieht Karli ein Körbchen unter der Sitzbank hervor. Darin strampelt – in ein Wolfsfell eingewickelt – ein ungefähr 3-monatiges Bübchen, das mörderisch schreit. Karli gibt dem Kleinkind einen Schluck Kafi Lutz, worauf es sich unverzüglich beruhigt und ein breites Grinsen aufsetzt. Um den Hals trägt das Bübchen ein Schildchen auf dem „Walti“ geschrieben steht.
Entgegen seinen Gepflogenheiten und weil bis zur Durchfahrt des 4 Uhr Gemüseexpresses noch eine knappe Stunde Pause zu bewältigen ist, verlässt Karli seine Arbeit, um das Findelkind in die nahe gelegene Wohnung zu bringen.
Ida Staub fällt beinahe in Ohnmacht beim Anblick der Bescherung. Wie die Jungfrau zum Kinde, was Ida auch ist, also Jungfrau aus evangelikalem Hause meine ich, kommt sie zu ihrem Schicksal und kümmert sich in der Folge vorzüglich um den kleinen Erdenbürger.
Anfänglich mühelos, entpuppt sich die weitere Entwicklung von Walti als sehr schwierig und Ida Staub, die in der nahe gelegenen Seidenweberei arbeitet, ist der Sache immer weniger gewachsen.
 
Vor allem die Schule missfällt dem mittlerweile WilerWalti gerufenen Buben – Walti von Thalwil – immer mehr. Als Lehrer Schubiger bemerkt, dass Walti in der 2. Sekundarschule bereits neun Schuljahre abgesessen hat, wird das Schulverhältnis in gegenseitigem Einvernehmen beendet.
WilerWalti startet eine Lehre als Webmaschinenmechaniker. Ob er diese erfolgreich abschliessen wird, ist unbekannt, aber eher unwahrscheinlich.
Walti ist eine auffällige Erscheinung, seiner Zeit bei weitem voraus, doch meistens unverstanden.
Er ist begnadeter Gitarrist und spielt mit seiner roten Gibson SG in der Blues-Rockband «The Black Magic Cream» die erste Fiedel. «The Black Magic Cream» entstand aus der Schülerband «Alex and The Outdoors“.
Dank Waltis einschlägiger Beziehung zu einer gutaussehenden Kirchenpflegerin, darf die Band im Wäschehäuschen, das dem Pfarrhaus vorgelagert ist, proben.
Ab und zu arten die Proben in laute Orgien aus, was der Frau des Pfarrers missfällt. Als Frau Pfarrer die gut aussehende Kirchenpflegerin zusammen mit WilerWalti in kompromittierender Situation findet, ist augenblicklich fertig und sogar die Polizei wird beigezogen.
 
Walti zieht nach Zürich und findet im Niederdorf, nahe des Johanniters, bei der drallen und fülligen Lastwagenchauffeuse Dolly Unterschlupf. Es ist ein feuchtfröhliches Leben, welches Walti nun führt und er spielt beinahe täglich mit den «The Black Magic Cream».
 
Bei einem Konzert wird er von Maria, einer aus Spanien stammenden Schönheit, dermassen angehimmelt, dass er Knall auf Fall die Band und Dolly verlässt.
 
Walti lebt nun zeitweise in einer speziellen WG ein für seine Verhältnisse sehr gemässigtes Leben, wieder auf dem Lande. Maria und Walti lieben sich ausserordentlich. Eines Morgens, nach einer tollen Nacht, bleibt Maria für immer verschwunden. Ausgerechnet mit seinem besten Jugendfreund Alex ist Maria durchgebrannt, wie seine Nachforschungen ergeben.
Walti verkraftet diese Situation sehr schlecht.
Er flüchtet sich fast täglich ins Restaurant «Scharfegg» zu Reesi (Teresa aus Apulien), einer flotten Wirtin, mit der er ehemals zur Schule ging.
Zehn Grosse Biere gönnt er sich da meistens jeden Tag. Nach fünf Grossen stärkt sich Walti jeweils mit einem vaterländischen Wurscht-Chässalat, nicht garniert.
Eines Tages macht Walti Bekanntschaft mit dem berüchtigten Biertier.
 
Sturzbetrunken macht er sich morgens um 1 Uhr in dichtem Schneegestöber auf den Heimweg. Als er am Dorfbrunnen vorbeikommt, setzt er sich zuerst auf den weissen Marmorhund, bevor er sich in den mit Schnee gefüllten Brunnentrog legt und einschläft. Zu seinem Glück nähern sich einige Saufkumpels, die ebenfalls nach Hause wollen. Sie schleppen Walti ein Stück weit mit bis zum Bahnhof. Dort, am Ende ihrer Kräfte angelangt, hieven sie den fast leblosen Körper von Walti in die geheizte Begleitkabine eines Güterzuges, um Hilfe zu holen.
Als sie mit Rettungskräften zum Bahnhof zurückkehren, ist der Zug bereits abgefahren.
Seither ist WilerWalti spurlos verschwunden und wird von Amtes wegen am 22. Januar 1988 als verschollen erklärt.
 
Die Fahrt im Güterwagen endet abrupt an der französisch-spanischen Grenze, wo WilerWalti prompt von spanischen Zollbeamten festgenommen wird. Einer Verwechslung wegen und unter Beihilfe eines sehr faulen Schweizer Konsuls sowie eines korrupten Guardiazivilisten, bekommt Walti eine neue Identität als Juan Waldos.
Sein Spanisch, das er bei Maria gelernt hat, obwohl sie niemals Spanisch mit ihm gesprochen hat, vermischt mit seinem schweizerdeutschen Akzent, kommt der spanischen Ermittlungsbehörde baskisch vor. Er wird daraufhin in ein Arbeitslager in der Provinz León gesteckt, wo er jeden Tag unter widrigsten Bedingungen Anthrazitkohle abbauen muss.
Auf Druck der aufstrebenden EU werden diese Lager aufgehoben und die Insassen auf freien Fuss gesetzt. Durch das im Arbeitslager geflochtene Beziehungsnetz findet Juan Waldos im El Bierzo am Rio Sil Arbeit, auf einem mittelgrossen, etwas heruntergekommenen Weingut. Er repariert defekte Betriebsgeräte, arbeitet im Weinberg – was ihm besondere Zufriedenheit beschert -, lernt Önologe und heiratet Carmen, die Tochter des weingutbesitzers.
Er rekultiviert die Traubensorte «Mencia» mit Erfolg, verschneidet sie mit Tempranillo und sein daraus entstehender «Hacienda Don Waldos» wird von einer Weinagentur zum Wein des Jahres erkoren und mit
98 / 100 Punkten bewertet. So wird er zu einem international beachteten Weinproduzenten.
 
Die Nachricht vom Tode Alex‘ erreicht Walti alias Juan Waldos im «El Bierzo» in Spanien. Seltsamerweise berührt ihn diese Nachricht ausserordentlich tief und er beschliesst, zu dessen Beerdigung in die Schweiz zu reisen.
 
Unerkannt sitzt Juan Waldos hinten links in der protestantischen Kirche von Thalwil, wie damals im Konfirmandenunterricht. Er ist tunlichst darauf bedacht, dass Maria ihn nicht sehen kann. Diese sitzt dem Anlass entsprechend zuvorderst. Neben ihr eine bildhübsche Frau, etwa Mitte Dreissig. Das muss Marias Tochter sein, gleicht sie doch der jungen Maria aufs Haar.
 
Die Trauerzeremonie ist zu Ende und Waldos versucht sich auf Französisch aus der Kirche zu schleichen. Vergeblich! Der Blick von Maria trifft ihn unvermittelt und direkt ins Herz.
Die Welt steht einen Moment still, als…………

Anmerkung:
Diese Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit noch lebenden Personen, wären rein zufällig.
Danke an Karin Annelies Meier, Lektorin.
Walo Brunner